Der Minister und der Biker

Der Minister und der Biker

Kurz vor Weihnachten habe ich für meinen Junior im Internet Übungsaufgaben für Englisch gesucht und stolperte dabei über eine sehr alte Erzählung. Der Richter und der Teufel aus Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch, einer Märchensammlung aus dem 18 Jahrhundert. Sie geht auf eine Erzählung aus dem 13. Jahrhundert zurück.

Ich habe mich entschlossen dieses Märchen in unsere Zeit zu übertragen und möchte es neu erzählen. Mein Großvater hat oft zu mir gesagt: „Kindern erzählt man Märchen zum Einschlafen, Erwachsenen zum Aufwachen!“ Mehr muss ich sicher gar nicht erklären, ich hoffe euch gefällt meine neue Version dieses Märchens.

Der mächtige Minister

Vor vielen Jahren lebte ein berühmter Minister. Er war ein einflussreicher Mann, in einer gehobenen Stellung in der Regierung seines Landes und er genoß großes Ansehen im Parlament. Aber er war auch gierig nach Macht und nutzte bei jeder Gelegenheit seine Position um seinen Einfluss auszuweiten. Eines Abends, zwischen Weihnachten und Neujahr, ging der Minister durch die fast leeren Straßen seiner Stadt, die aufgrund eines Erlasses mit einer Ausgangssperre belegt war. So sah er nur wenige Menschen, die eilig und mit scheuem Blick auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause durch die Dunkelheit huschten.

Der Minister war fast wehmütig, so traurig war der Anblick seiner Stadt dieses Jahr in der Weihnachtszeit, aber er hatte die Ausgangsperre erlassen um eine schlimme Krankheit einzudämmen. Er war sich zwar nicht sicher, ob die Maßnahmen erfolgreich sein würden, aber das konnte er nicht öffentlich eingestehen, ohne sein Ansehen zu schädigen. Und er war bedacht darauf das niemand erfuhr, dass er erst kürzlich eine Chance verpasst hatte ausreichend Medizin einzukaufen. Denn diese Information wäre im anstehenden Wahljahr für ihn sicher nicht von Vorteil.

Die Bürger seines Landes waren mit Masse ehrliche und geduldige Menschen, somit hielten sich die meisten an die Ausgangssperre, auch wenn sie unzufrieden waren. In einer dunklen Gasse sah er aber plötzlich einen Biker mit seinem Motorrad, der mit einer Zigarette in der Hand in aller Ruhe auf irgend etwas zu warten schien.

Der ungehorsame Biker

Verärgert über den offensichtlichen Ungehorsam des Bikers schritt der Minister mit schnellen Schritten auf ihn zu und sagte in strengem Befehlston: „Wer bist du und was machst du hier? Es ist Ausgangssperre!“ Der Biker grüßte den Minister höflich und antwortete ruhig und bedacht: „Es ist besser sie wissen das nicht Herr Minister, ich wünsche ihnen aber noch einen friedlichen Weihnachtsabend.“

Der Minister herrschte den Biker an: „Du bist hier in meiner Stadt! Ich repräsentiere hier das Gesetz! Beantworte meine Fragen oder ich lasse dich verhaften!“ „Wie sie wollen.“ sagte der Biker und fügte mit leiser Stimmte hinzu, „Ich bin der Teufel.“ … „Der Teufel?“ der Minister erschrak ein wenig und fragte vorsichtig nach. „Wirklich? Der Teufel – und was willst du hier?“

Der Teufel erklärte ihm bereitwillig, dass dies eine besondere Nacht sei und er in dieser Nacht auf die Erde gekommen ist, um jeden mitzunehmen, den die Menschen zur Hölle wünschen. Vorausgesetzt sie meinten es ernst. „Das muss ich sehen!“, forderte der Minister. „Nimm mich mit, da will ich dabei sein!“ Aber der Teufel warnte ihn. „Das ist keine gute Idee, Herr Minister…“ sagte er. Doch der Minister wollte von der Warnung nichts wissen. „Ich habe dir schon gesagt, dass dies meine Stadt ist!“ zischte er. „Im Namen Gottes, ich befehle dir alles mitzunehmen, was die Menschen zur Hölle wünschen und mich dabei zusehen zu lassen!“

Der Teufel erschrak als er den Namen Gottes hörte. „Sie lassen mit keine Wahl.“ antwortete er. „Aber ich befürchte, sie werden das bereuen.“ „Ach was, Unsinn!“, herrschte ihn der Minister an. „Los gehts!“ Und die beiden machten sich auf ihren Weg durch die Gassen der Stadt.

Die Menschen in der Stadt

Schon an der nächste Ecke kamen sie zu einem Mann der in seinem alten Auto saß und den Motor anlassen wollte, der aber immer wieder abstarb. Der Mann fluchte im Auto: „Verdammte alte Karre! Immer wenn es kalt wird und ich dich am meisten brauche, zickst du rum. Zur Hölle mit dir!“ Der Minister sah den Teufel mit breitem Grinsen an. „Na bitte, das hat sich gelohnt! Das ist dein Auto!“ „Nein…“ antwortete der Teufel, „das hat er nicht ernst gemeint. Ohne das alte Auto käme er nicht mehr zur Arbeit und würde auf der Straße landen, er wäre erst arbeitslos und bald wohl ohne Obdach.“

In der nächsten Hofeinfahrt schimpfte eine Mutter mit ihrem Kind. „Hör auf zu heulen!“, fuhr sie ihre kleine Tochter ungeduldig an, „Du weisst genau, dass wir nicht zu Opa und Oma dürfen, wenn dein Onkel da ist! Wenn du weiter so ein Theater machst, holt dich der Teufel und nimmt dich mit!“ „So eine Rabenmutter!“ schimpfte der Minister. „Das Kinder die Gesetze nicht verstehen ist doch klar. Na, sie wird ja jetzt sehen was sie davon hat!“ Aber wieder schüttelte der Teufel den Kopf. „Ich sagte doch schon, es muss ernst gemeint sein. Keine Mutter würde mir wirklich ihr Kind überlassen, auch nicht für tausende von Euros. Sie ist einfach müde und abgespannt.“

Ein paar Schritte weiter saß ein Bettler am Straßenrand und schaute verlegen zu Boden als die beiden sich näherten. Der Minister warf ihm gönnerhaft etwas Kleingeld vor seine Füße, aber nicht ohne ihn zu ermahnen. „So leid es mir tut, die Ausgangssperre gilt auch für sie!“

Da schaut der Mann auf und sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. „Sie sind es!“ flucht er laut und stand dabei auf, die Hände zu Fäusten geballt. „Durch ihre Willkür habe ich meine Arbeit und meine Existenz verloren! Erst haben Sie Auflagen erlassen und dann, nachdem ich mein letztes Geld aufgewendet hatte um sie zu erfüllen, haben sie mir trotzdem verboten zu arbeiten und die Bank nahm mir alles weg. Und jetzt verbieten sie mir um Hilfe zu bitten? Wenn ich nur einen einzigen Wunsch frei hätte, dann würde ich den Teufel anrufen und ihm sagen er soll sie mit in die Hölle nehmen und ihre eigene Arroganz und Überheblichkeit spüren lassen!“

„Sehen sie,“ sagte da der Teufel zum Minister, „das meine ich wenn ich sage, sie müssen es wirklich ernst meinen…“

Seit diesem Abend hat den Minister keiner mehr gesehen. Aber der Bettler musste wohl den Verstand verloren haben, denn er erzählte fortan es gäbe den Teufel wirklich und er würde Biker schicken um Wünsche zu erfüllen. Und er ließ sich nie mehr davon abbringen.

Ride on. Glori

PS: Für alle die jetzt mit dem erhobenen Zeigefinger kommen ein kurzer Hinweis. Nein, ich bin kein COVID-Leugner und trage keinen Aluhut! Mir macht aber das aktuelle „Krisenmanagement“ Sorgen, dass diesen Namen m.E. nicht wirklich verdient.

Der Minister und der Biker

von | 2021-01-11 | Klartext, Politik & Gesellschaft

Bildquellen

  • Bettler mit Hunden: © jiduha – stock.adobe.com

Über den Autor

Glori

Torsten Glorius (aka Glori) ist seit über 40 Jahren Motorradfahrer und bezeichnet sich selbst als Oldschool Biker. Er ist in den 70/80ern in Hannover aufgewachsen und fühlt sich in der Biker-Szene zuhause. Glori steht auf Scrambler und Reiseenduros ohne viele digitales Gedöns und ausgedehnte Solo-Touren. Seit seiner Jugend träumte er von einem eigenen Motorradmagazin und seit Mai 2020 ist er Herausgeber von OUT 4 A RIDE. Er schreibt vorwiegend für das Ressort Szene, als gelernter KfZ-Techniker aber gelegentlich auch für Technik & Touren. Noch Fragen? Dann schreib eine Email an glori@out4ari.de.

4 Bemerkungen

  1. Gerd

    Das mit dem Aufwachen wird nicht funktionieren, solche „Maerchen“ interessieren die Betroffenen Personenkreise nicht.

    • Glori

      Hallo Gerd, wenn es dich erreicht hat und du die Botschaft verstanden hast, bist du schon einer mehr. Echte Veränderungen kann keiner von uns allein bewirken, auch keine einzelne Geschichte, aber Geschichten die immer weitergegeben werden, hatten schon in der Vergangenheit oft eine erstaunliche Macht…

      • Gerd

        Ja, es hat mich erreicht, auch wenn ich die Geschichte in einer aelteren Version kenne – gut umgesetzt!
        Ueberhaupt gratuliere ich Dir zu Deinem gut gelungenem Auftritt mit dieser Webseite.
        Ich muss mich erstmal durch das bereits Vorhandene durcharbeiten und dann am Ball bleiben 😉
        Gruss, Gerd

      • Glori

        Danke Gerd! Freue mich, dass dir O4AR gefällt und hoffe du findest auch in Zukunft lesenswertes. 😉
        Gruß, Glori